DJ Booga

Local hero mit Anspruch

25 Fragen an  Booga

Bürgerlicher Name: Roberto Blanco

Geburtsjahr: 1972

seit wann DJ?
1993

Heimatclub:
muss noch gebaut werden

Style:
Drum'n'Bass

Brotberuf:
Eisverkäufer

Bevorzugter Record Store:
Freezone Records

Umfang der Plattensammlung:
ganzen Keller voll

aktuell das spannendste Label:
Metalheadz (hehehe!)

interessantestes Magazin/Zeitung:
House Attack (r.i.p.)

erste gekaufte Platte:
Michael Jackson "Thriller"

Respekt an:
jeden der es mit über 60 noch macht

bester eigener Gig:
immer der nächste

wichtig an einer Party:
rocken muss es

Was ist Musik?
eine Droge

wichtigstes Tool für einen guten DJ:
Bauch einschalten

beste Produktionssoftware:
Logic Audio

Lieblingsdroge:
s.o.

Ich hasse:
Nazis

dümmste Frage während eines Sets:
vergessen

Positives am DJ-Dasein:
legaler Drogenkonsum

Wo würdest du am liebsten auflegen?
London, New York, Tokio

was fehlt in Leipzig?
Nichts seit dem es www.itsyours.info gibt

Track den ich niemals spielen würde:
ist nicht wert genannt zu werden

wie lang wirst du noch DJ sein?
bis der letzte geht


Man kennt ihn neben Windy und MC Amon als drittes Mitglied der Cuba Crew. Für ganz viele ist er die Person hinter Breaks.org, das Leipziger Portal für lokale Vernetzung im Breakbeat-Bereich. Man trifft ihn als Organisator und Drum’n’bass-DJ im Conne Island. Als Produzent oder Remixer steht sein Name auf Veröffentlichungen von Velocity Sounds Records, Frost Music und der Tellerand-Kompilation. Als wir uns treffen plagen ihn gerade Sorgen über die fehlende SCSI-Schnittstelle an seinem neuen Mac. Und schon sind wir mitten drin im Gespräch über seinen musikalischen Werdegang.

Booga: Ich mach schon seitdem ich einen eigenen Rechner hab Musik. Vorher auch schon. Ich hab schon in drei oder vier Bands gespielt, angefangen in einer Punk-Band als Drummer, bei El Cole Dosa aus Leipzig. Das war noch zu Stewa-Zeiten, d.h. kurz nach Wendezeiten 91/92. Da gabs halt in der Sternwartenstrasse ein besetztes Haus und als nächstes, ausgegliedertes Zentrum das Haus Steinstrasse mit Probenräumen unten mit der alten Kegelbahn. Damals gabs solche legendären Bands wie Parole Emil und Believe In Falter usw. Und es gab eben auch eine kleine Band, die hiess El Cole Dosa, da war ich Drummer. So hat das angefangen. Vorher hab ich Posaune gespielt, das war aber alles nicht mein Ding …

1000°: Wurdest du dazu von deinen Eltern gezwungen?
Booga: Ach naja... schon irgendwo. Also erst hab ich Blockflöte gespielt – Hausmusizieren. Mein Vater ist Musiker. Und dann hiess es irgendwann: „Robert, du kannst doch auch was Richtiges, mach doch mal Posaune.” Mein Vater ist Posaunist im Gewandhaus. Das hab ich fünf Jahre mitgemacht, war auch im Jugendblasorchester. Das war dann schon wieder geiler: in einem Orchester mitspielen und nicht immer nur alleine - und vor allem, wir waren alle so drauf. Die schlimmsten Auftritte, die ich jemals hatte, waren zu solchen Pionieranlässen in der Schule. Da hiess es: „Der Robert Handrow spielt heut was auf der Posaune vor.” Das war immer die Endhölle wenn ich da heut dran denke. Schlagzeug war immer viel interessanter. Weil ich so ein hibbeliger Typ bin …

1000°: Hast du dir das Schlagzeug dann allein draufgedrückt?
Booga: Im Prinzip war’s so wie jeder das macht. Du fängst halt zu Haus an zunächst mal Sendungen mitzuschneiden wie Maxis maximal. Dich interessieren plötzlich Formate mehr, also Maxi-Formate mehr als die Standard-Formate. Dann willst du irgendwie selbst manipulieren. Es fangen die ersten Sachen an, dass du was am Recorder schneidest. Dann hab ich halt immer versucht, ich weiss nicht ob das aus der Jugendlichkeit kommt … du trommelst halt zu allem möglichen Scheiss mit. Da hab ich dann gemerkt oder ich war damals der Meinung, dass ich eine rhythmische Ader hab. Und irgendwann denkst du: „Du kannst doch bestimmt auch Schlagzeug spielen. Das geht doch bestimmt ganz einfach.” Und dann stand halt diese Bude da unten in der Steinstrasse drin, da hab ich mich rangesetzt und gemerkt: „Ui, das ging ja genauso, wie du dir das vorgestellt hast.” Es ging natürlich nicht alles, aber ich denke, ich hatte da was im Blut. Ich hab dann geübt wie eine Sau, und dann hab ich in der Band mitgespielt. Später spielte ich noch bei Moose Malloy. Und noch später hab ich eine Band gegründet mit zwei Leuten von Believe In Falter, die hieß Sgt. Weißflog. Und das war so meine grösste und beste und wichtigste Band, die ich je hatte. Nach drei Jahren glaub ich, haben wir uns aufgelöst und seitdem hab ich nie wieder richtig Schlagzeug gespielt. Aber ich glaub, dass man es noch im Blut hat. Ich müsst es halt mal wieder üben.

1000°: Jetzt bist du ja eher als DJ und Produzent unterwegs. Wie kam der Wechsel?
Booga: Ich hab halt Musik zu Hause gemacht und gemerkt, ich kann mittlerweile nicht nur das Rhythmische, ich hab auch die ganzen harmonischen Sachen drauf. Vielleicht auch von der Ausbildung her. Dann hat mal ein Freund von mir, der ist Techniker in einem Studio gewesen und war mit in meiner Band, der hat Aufträge für Remixe bekommen. Wir haben uns bei ihm im Studio hingesetzt und haben eine furchtbare Disco-Version von einem Torgauer Marsch hingelegt, 3:30 lang. Und die kam dann sogar auf einer CD raus. Das ist jetzt so ein bisschen mein schwarzer Fleck, so schandtatenmässig …

1000°: Wann war das?
Booga: Jetzt müsst ich lügen. So 94/95 … irgend sowas. Ich war damals schon sehr viel mit Auflegen unterwegs, hab sehr viel Drum’n’bass aufgelegt. Das war eigentlich immer mein Hauptding: Drum’n’bass-Platten. Damals gab es noch das Beeline Records in der Kochstrasse, das war für mich der Laden Nr.1. Da gabs immer die wesentlich interessanteren Platten als House oder Techno. Das hab ich zwar zu der Zeit auch immer mal mitgehört, aber wo es für mich abging das war eindeutig zu Drum’n’bass, zu Moving Shadow und solchen Labels. Dann hab ich viel aufgelegt und hab hier und da mal einen Gig gehabt, wo ich Drum’n’bass gebracht hab. Damals war das ja mehr Jungle. Und irgendwann gabs eine Band, die hiess Boiled Kilt. Die hat eine Mischung zwischen Metal und Hardcore in Leipzig gemacht, waren auch eine Zeit lang Support-Band von Think About Mutation. Die kannte ich ziemlich gut und die wollten einen Remix haben. Also hab ich für die einen Drum’n’bass-Remix gemacht und das war meine erste richtige Sache. Und dann ging es ziemlich Ruckzuck und ich hatte immer mal wieder Remixaufträge. Ich hab zwei für Die Art gemacht, für Think About Mutation einen, der dann leider nie veröffentlicht wurde und irgendwo rumschmort, dann für Unicycleman einen … Also es waren vor allem lokale Acts. Dann hab ich für eine HC-Band, für Full Speed Ahead, einen Remix gemacht, das war die erste Veröffentlichung auf einem Label, das sich gerade neu gegründet hatte: Velocity Sounds Records. Das war vor etwa zwei Jahren.

1000°: Du bist also vor allem als Remixer gefragt, und was ist mit eigenen Tracks und Platten?
Booga: Ich mach natürlich selber auch viele Stücke. Ein Bekannter von mir, vom Freezone Klamottenladen hatte ein Label gegründet: Frost Music. Dort haben wir ein erstes Stück von mir veröffentlicht, das hiess „Defrostatica”. Das war aber bisher die einzige Veröffentlichung auf dem Label. Die hat ziemlich gute Kritiken in der De:Bug bekommen, aber damals gab es noch keinen Vertrieb dazu und so war das halt eine sehr lokale Angelegenheit: gute Kritiken aber keine Absatzzahlen. Und jetzt planen wir gerade das nächste grosse Projekt: Der Roland von Velocity Sounds will Ende des Jahres von mir eine LP rausbringen. Jetzt kann ich also mal den ganzen Backkatalog, der sich in den letzten 6-7 Jahren so angesammelt hat, blank putzen. Zwischendurch hab ich auch Theatermusik gemacht in Leipzig. Für das Theater der Jungen Welt. Die haben Trainspotting gemacht …

1000°: Das klingt jetzt beinahe so, als könntest du von der Musik leben?
Booga: Ich wünschte, ich könnte. – Ich glaub, das ist eine Illusion, von der muss man sich heute generell verabschieden. Das ist nicht nur ein aktuelles Gefühl so, ich denk das schon seit langem. Ich meine, Pop- und Rockdiskurse so wie sie es in den 80er/90er Jahren gab, mit festen kommerziellen Strukturen, die lösen sich zunehmend auf. Es gibt immer mehr Leute, die selbst Musik machen, die selber die Dinge in die Hand nehmen, es gibt Internetläden usw. Und da hast du alles unter deiner Kontrolle, du bist unabhängig, interessenunabhängig.

1000°: Siehst du die Situation wirklich so, dass der Musikmarkt quasi am zusammenbrechen ist?
Booga: Nein, der Punkt ist was anderes. Ich glaube, es haben viele Leute begriffen, dass man eigene Ideen promoten kann. Aber trotzdem wirst du am Ende des Tages feststellen, dass du zwar deine eigene, unabhängige, kreative Plattform geschaffen hast, aber du hast nicht die Masse von Leuten, die das auffangen, die das gut finden, die das auch konsumieren. Aber du musst irgendwo das Geld herkriegen, deine Brötchen zu kaufen, deine Miete zu bezahlen. Und in dem Moment musst du dir Alternativen suchen im Leben. Meine Alternative ist: ich werde mir weiter einen Job suchen, um da mein Minimum an Einkommen zu haben, um meine Bedürfnisse zu regeln. Und ich muss Freiraum haben, um meine musikalische Arbeit voran zu bringen. Ich bin selber nur bis zu einem bestimmten Punkt bereit Kompromisse zu machen.

1000°: Wenn aber immer mehr Leute eigene Wege gehen, dann bleibt das sicher nicht ohne Auswirkungen auf das „grosse Business”. Wo wird es hingehen mit der Musik?
Booga: Es bleibt alles beim Alten. Ich denke es wird immer schön weitergehen, es wird immer wieder sehr gute Musik geben, es wird immer wieder Leute geben, die interessante Sachen bringen und einen bewegen. Aber wo das hingeht und wie das aussieht … Es ist immer irgendwie grosser Quatsch zu sagen, jetzt kommt das nächste grosse Ding. Vieles entwickelt sich neu und es gibt mal wieder neue Farben … – Es wäre aber völlig langweilig für mich, wenn ich das alles schon vorher wüsste …

1000°: Wo wir grad über alternative Strukturen reden, lass uns doch mal zu deinen anderen Aktivitäten kommen. Dein Name wird immer wieder mit breaks.org in Verbindung gebracht.
Booga: Das ist sicherlich von der Initiativseite her richtig, aber mit der breaks.org-Seite wollten wir vor allem das Netzwerk oder die Szene Leipzigs an sich publik machen. Es sollte eigentlich mehr protegiert werden, wer ist alles dabei, wer sind die Bestandteile davon. Das ist eigentlich heute auch noch das Ziel. Es geht nicht darum Einzelleute sondern alle generell vorzustellen. Die breaks.org-Sache ist die Organisation eines Netzwerks mit vielen anderen Leuten zusammen: mit Repertoire, mit den Ulan-Bator-Leuten. Da spielen ganz viele eine wichtige Rolle.

1000°: Das Ganze klingt ziemlich politisch.
Booga: Das Ganze ist erstmal nicht politisch, das Ganze ist erstmal schlicht und rein kulturell. Der Anspruch, der dahinter steht ist vielleicht ein emanzipatorischer, ist auf Gleichheit aus und von mir aus auch solidarisch. Der Ansatz ist immer, möglichst ohne Hierarchien zu arbeiten und gleichberechtigt allen möglichen Leuten eine Chance zu geben. Also auch junge Leute ranzuholen und die ganze Sache nicht als elitären Club abzuschliessen. Die Veranstaltungen, die wir mit breaks.org im Conne Island gemacht haben, hatten von Anfang an das Ziel, die lokale Szene ins Rampenlicht zu rücken. Bis dahin war es immer so, dass natürlich lokale Leute im Eiskeller aufgelegt haben, aber sehr sporadisch und nie in dem Sinne organisiert, dass man den Eindruck haben würde, hier gibt es was in Leipzig. Und ich hab dann gesagt: „Lasst uns einmal im Vierteljahr eine lokale Veranstaltung machen, wo nur Leipziger auflegen, keine Engländer. Sozusagen die lokalen Supporter präsentieren sich als Allstars.” Und das war dann die Philosphie von den Leuten. Die Reihenfolge wurde am Abend ausgelost, es gab nie den Hauptact oder den Voract, sondern es war immer alles gleichberechtigt. Und ich glaube, so ein Empfinden, so ein Herangehen Kultur zu organisieren, das ist schon politisch.

1000°: Wann ist eine Party richtig gut?
Booga: Wenn viele Überraschungen passieren, wenn alle meine Freunde da sind, wenn viele Leute da sind, die ich nicht kenne, und wenn der Sound gut ist. Aber ich denke mal, Überraschung ist das wichtigste.

1000°: Wen bewunderst du?
Booga: Ich bewundere eigentlich nicht gerne Leute. Es gibt ein paar Leute beim Musikmachen, die ich sehr mag oder verehre und die haben einen gewissen Einfluss auf mich. Aber ich bewundere keinen. Also ich bewundere höchstens ihr Schaffen, nicht die Leute, weil ich die ja kaum kenne. Und da steht an erster Stelle sicherlich Goldie. Der verrückteste, ehrlichste von allen, weil der bisher auch alles versucht hat. Der hat das Innerste nach aussen gewandt, vielleicht mehr als die meisten andern. Hat sich dadurch natürlich auch sehr verletzlich gemacht. Also ich finde das ist eine Haltung die man bewundern kann.



TOP 5´s:
alltime LP's:


1. Goldie "Timeless"
Neben "Parallele Universe" von 4 Hero die musikalische Supernova der 90er Jahre. Der Titel des Albums bleibt Programm. Klingt heute immer noch frischer als Alicia Keys aussieht.

2. Future Sound Of London "Accelerator"
Die Voodoo Könige der Regenhauptstadt legten mit diesem Album eine Vision von Elektronik und Musik vor, deren Vielfalt und Tiefe nah am ultimativen Nexus gebaut ist. Wer jetzt "Eklektizismus" ruft der kriegt gescheuert.

3. Sonic Youth "Goo"
"Dirty Boots, Baby!" So einen Gitarrenkrach spielt Donis heute immer noch bei der Werk II Disco. Es gibt eben Musik, die führt Konformismus wie selbstverständlich ad absurdum.

4. Squarepusher "Feed Me Weird Things"
Der Alptraum eines Schlagzeugers: "Spiel doch mal was von Squarepusher!". Der Mann der tausendundein Break in einer Minute unterbringt und dich glauben lässt, als wäre das die natürlichste Sache der Welt.

5. International Pony "We Love Music"
"We got the funk, we got the funk". Oh ja, sie haben ihn. Koze, Cosmic und Erobique haben aber noch viel mehr: nämlich einen guten Charakter. Diesen drei Supertypen soll die Welt gehören.


aktuelle Singles:

1. Digital & Spirit "My Love" Phantom Audio
Fresh - ja. Clean - nein. Der Geist von Doc Scotts "Shadow Boxing" lebt neu auf. Ist das die Renaissance der Urban Breakbeat Music? Ich hoffe, ja.

2. Nos "Groove me / Overtone" Eastside
Der Großmeister des Drum & Bass Minimalismus lässt es raus: wirbelnde und rollende Drumloops bewegen ultradicke Zeppelinbässe durch ein Delta von Marsharmonien. Sowas honoriert der Dancefloor: Rewind!

3. Kutta & Bleek "Nitty / Hired Guns" Demonic
Breakbeat Kino des 3. Jahrtausends. Darkness at its best. Sollte im nächsten John Woo Film Soundtrack werden. Macht aggressiv und sexy. Definitiv der eigenständigste Sound derzeit.

4. Paradox "Reykjavik / Aries Maze" Outsider
Wunderbar! Entspannte Vibes, elegische Flächen und die lässigsten Breaks seit "Cuba" auf Reinforced. Paradox bringt die Drum Workouts diesmal nicht knochentrocken, sondern meersalzig.

5. Calibre "Fire & Water" Soul:r
Dub Jah Science, Alter! Schöner die Bässe nie vibrierten... Der Beat ist straight und die Message lautet: Tanzbefehl. Der Klassiker kommt nicht aus der Plattenkiste raus.



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